PROJEKTE DIE AUF IHRE HILFE WARTEN
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hand in Standort Taufkirchen bei München
Stolzer Ehemaliger bei HAND IN
Am Sonntag den 6. Mai konnten wir 40 Gäste bei unserem „Work and Box Brunch“ stark berühren mit Szenen aus unserer Arbeit mit straffälligen Jungs. Tags darauf zeiget sich erneut, dass das Training bei HAND IN aus planlosen Jungs gestandene Männer machen kann: B., jetzt 21 Jahre alt, kam spontan für einen Besuch zu uns. Er arbeite jetzt als Kraftfahrer bei einer Spedition, berichtete er mit stolzen Gesicht, und sei gerade auf einem Arbeitseinsatz in der Nähe gewesen. Mit spätestes 25 will er Frau und Kinder haben. Mir dem Boxen hat er weitergemacht – ein Münchner Verein fördert ihn und hat ihn jetzt zu seinem ersten Profikampf eingeladen.
Für diese Momente leben wir!
Für diese Bedarfe habe ich eine (Teil-)Auszahlung veranlasst:
Murat - vom Gangster zum Streber
Vor drei Jahren kam Murat zu uns, direkt aus dem Gefängnis. Er war 17 Jahre alt und nicht der Meinung, dass er Hilfe braucht. Er war aggressiv und aufbrausend, seine Haltung: „Ich kann alles, ich brauche Euch nicht“. Murat nahm täglich Drogen und stritt sich sogar mit den Richtern. Sein Vater konnte kein Deutsch und die Familie war extrem verschuldet. Trotzdem fanden wir einen Arbeitgeber, der bereit war, ihm ein Praktikum als KFZ-Lackierer zu geben.
Am ersten Tag erschien Murat nicht. In den darauffolgenden Wochen fuhren wir jeden Tag hin und kontrollierten, ob Murat seine Arbeit macht. Dann stand die Ausbildung an. Da Murats Schulbildung nicht ausreichte, musste er zunächst ein Einstiegs-Qualifizierungsjahr machen. Das ist ein Jahrespraktikum, das als erstes Ausbildungsjahr anerkannt wird. Danach übernahm man ihn sofort ins zweite Ausbildungsjahr. Aber er kam weiterhin unter Drogeneinwirkung zur Arbeit, erschien nicht vor zehn Uhr. Erst nach einem Jahr meldete der Chef, dass es mit Murat langsam etwas wird. Er war jetzt volljährig, kam aus eigenem Antrieb zur Arbeit und arbeitete täglich zehn Stunden. Alles lief gut - bis vor kurzem, Aschermittwoch 2011.
Da kam der inzwischen 20 jährige nicht zur Arbeit, kein Wort von ihm. Als der Chef anruft, sagt er: „Ich konnte nicht kommen! Ich bin aus dem Zug rausgeschmissen worden – in Köln!“. Murat wird fristlos gekündigt. Wir intervenieren, plädieren dafür, ihm noch eine Chance zu geben. Auch Murats Lehrer fährt mit ihm zum Chef, setzt sich für ihn ein. Auf diesem Wege erfahren wir, dass dieser Junge, der als hoffnungsloser Fall zu uns kam, inzwischen ein Einser-Schüler ist. Nach langen Verhandlungen zieht der Chef die Kündigung zurück – unter der Bedingung, dass Murat sich bis Ende des Monats nochmal richtig beweist.
Das ist Murat gelungen – er wird übernommen.
Veränderung geht in die Beine
S. Foto "Aufstieg" in der Galerie! Erlebnispädagogik in den Bergen. In der 9 Uhr-Kälte geht der mühsame Aufstieg mit fünf Jungs los, ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Wenn es regnet, kann man nass werden. Die Jungs hängen üblen Gedanken nach und schimpfen auf das Wetter. Am nächsten Tag sind die Füße wieder trocken und die Sache fühlt sich schon anders an. Z.B. für Paolo: "Ich bin stolz, dass ich es bei dem fiesen Regen so weit hoch geschafft habe. Zuerst habe ich gesagt 'Wandern ist nur für Opas' und 'ich mache diesen Dreck nicht', aber es ist eigentlich ganz schön hart und schon ein cooles Gefühl, wenn man es geschafft hat".
Rezension FRIEDENSSCHLAG Berliner Zeitung
Rezension Berliner Zeitung 14.04.2010
Die tägliche therapeutische Krise
Rupert Voß führt eine Tischlerei - und betreut unter dem Dach seiner Firma bei München jugendliche Intensivtäter. In der Work and Box Company üben sie für ein Leben ohne Gewalt
Frank Junghänel
TAUFKIRCHEN. Im Knast ist es nicht so schlimm, wie man denkt, sagt Andy, der für seine sechzehn Jahre ein bisschen zu viel Lebenserfahrung zu haben scheint. Kein Wunder, dass er ausgerechnet jetzt darauf kommt, beim Holzhacken, da die Schweißflecken unter seinen Achseln langsam das Format von Satteltaschen annehmen. Eine Woche Arrest hat er einmal abgesessen, da brauchte er nur zu warten, dass die Zeit vergeht. Als sie vergangen war, fing alles von vorne an. Was bedeutet, nichts fing an. Er hat die Schule geschwänzt und rumgehangen. Bis er im Supermarkt Tabak geklaut hat und erwischt wurde. Ladendiebstahl im Wert von 6,80 Euro, deshalb steht er auf dem Hof dieser Tischlerei und schwingt am ersten heißen Frühlingstag in Bayern die Axt. Er muss Brennholz hacken, im April, da die Heizperiode nun wohl vorbei ist. Das ist Teil dessen, was hier alle "Die Maßnahme" nennen.
Die Maßnahme, zu der Andy sich nicht ganz freiwillig verpflichtet hat, ist ein einzigartiges Sozialprojekt, das vor sieben Jahren im Münchner Vorort Taufkirchen begonnen wurde. In der Work and Box Company des Tischlereiunternehmers Rupert Voß üben jugendliche Straftäter für ein Leben ohne Straftaten. Ganz oben, unter dem Schrägdach der Schreinerei, die in einem Gewerbegebiet am Rande eines schon lange nicht mehr neuen Neubauviertels liegt, kommen sie täglich zusammen. Sie werden von einer Handvoll Menschen betreut, die jeder Sozialpädagoge, Therapeut, Handwerker, Lehrer und Trainer zugleich ist.
Wie sehr das alles an Kraft und Nerven zehrt, bei den Jugendlichen und den Erwachsen zeigt sehr eindrucksvoll der Dokumentarfilm "Friedensschlag", der am morgigen Donnerstag in die Kinos kommt.
Es geht darum, die Jungen, bisher sind es ausschließlich Jungen, innerhalb eines Jahres zu einem Leben in der Gesellschaft zu befähigen. Für den einen bedeutet das, von den Drogen wegzukommen, für den anderen, die Schule zu beenden. Oder überhaupt früh aufzustehen. Am Ende sollen sie alle einen Ausbildungsplatz finden. Vor allem jedoch müssen sie lernen, Stresssituationen gewaltfrei zu lösen.
An einer Wand im Büro, dort, wo jeden Morgen die Besprechung der Tagesaufgaben stattfindet, hängen siebzehn Aktenblätter mit siebzehn Porträts. Zum Beispiel Andrej, der in U-Haft sitzt, seine Eltern sind aus Russland, der Vater ist verschwunden. Zum Beispiel Ryan, Diebstahl und Drogenbesitz, Vater Amerikaner. Zum Beispiel Dennis, Schulverweigerer, diverse Gerichtsauflagen. Zum Beispiel Giuliano, der wiederholt seinen Lehrer angegriffen hat. Zum Beispiel Daniel, der gerade in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Zum Beispiel Mario, der 15 000 Euro Schmerzensgeld zahlen muss, weil er einen Mann krankenhausreif geschlagen hat. Zum Beispiel Martin, der seinen Stiefvater mit Füßen tritt.
Zum Beispiel Andy. Andy ist seit Oktober dabei. Immer im Herbst beginnt ein neuer Kurs, wenn man es so nennen will. Im Schnitt nehmen fünfzehn Jugendliche das Jahr in Angriff. Mancher springt wieder ab, andere kommen dazu. Andy erzählt, dass ihn seine Mutter hergebracht hat, auf Druck des Jugendamtes. Niemand wusste etwas mit ihm anzufangen. Er sagt das mit leiser Stimme, die in einem merkwürdigen Kontrast zu seinem Körper steht. Andy ist nicht nur groß, sondern auch etwas speckig um die Hüften. Seine lockigen Haare hat er zu einem Zopf gebunden. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und schwarze Jeans und sieht aus wie jemand, der sich wenig bewegt und selten an die Luft kommt, also ganz normal.
Scheiben aus Panzerglas
Als er zwölf war, ist er von zu Hause abgehauen. Er wollte zu seinem Vater. Die Eltern haben sich getrennt, als er klein war. Der Vater, so hat ihm die Mutter das erklärt, sei untergetaucht. Eigentlich habe er immer ein gutes Verhältnis zu seiner Mutter gehabt, sagt Andy. Aber dann gab es irgendwie Probleme. Er zuckt mit den die Schulter. "Weiß auch nicht." Zunächst kam er in eine Auffangstelle für Jugendliche, dann ins Heim, dann in ein anderes Heim. In vier Jahren hat er neun Heime kennengelernt. Und die Heime ihn. Andy erzählt, er habe öfter Wutausbrüche gekriegt und dann alles kaputt geschlagen. Er nennt den korrekten Begriff dafür, Gewalt gegen Gegenstände, und klingt jetzt wie sein eigener Anwalt.
In Wahrheit richtete sich diese Gewalt wohl eher gegen ihn selbst. Als er eine Bushaltestelle zertrümmert hat, wurden ihm vom Jugendgericht vierzig Sozialstunden auferlegt - "im Stadion Kippen sammeln, Drecksarbeit, die keiner machen will". Er hat sie nicht gemacht und kam deshalb in den Jugendarrest.
Danach ist er ein Jahr lang aus seinem Leben ausgestiegen. "Ich wusste nicht, wo ich anfangen soll", sagt er. Dann kam die Geschichte mit dem Ladendiebstahl. Die Company ist seine Chance, einen Anfang zu finden, vielleicht die letzte.
So sieht das aus, wenn die Jungs ankommen, sagt Jürgen Zenkel. "Sie hauen, klauen und kiffen." Er arbeitet seit fünf Jahren als Sozialpädagoge in dem Projekt, seit er selber einen Sohn hat. Zenkel hatte es zuvor schon einmal probiert, konnte aber damals kein Gefühl für die Jungen entwickeln, sagt er. "Man muss sehr viel Vaterenergie mitbringen."
Jürgen Zenkel ist der Vater, den die meisten hier nie hatten. Mit seiner hohen Stirn wirkt er älter als zweiundvierzig, er ist überall rundlich, nur seine Brille ist eckig. Seine Konstitution hindert ihn allerdings nicht, beim Fußballspiel zu kämpfen, bis ihm fast der Kopf platzt. Er ist es, der die Jungs mit "Du Arsch" anbrüllt. "Ich stelle Forderungen", sagt er. "Wir glauben an die Kraft der Ordnung." Er ist es aber auch, der sie später in den Arm nimmt.
Die Jungen müssen sich nicht bedingungslos unterordnen, wie in den sogenannten Boot Camps nach amerikanischem Vorbild, in denen die Verbindung von Arbeit und Boxkampf der absoluten Disziplinierung dient, wo jeder Regelverstoß mit fünfzig Liegestützen geahndet wird. "Bei uns dürfen sie ausrasten", sagt Zenkel. Sie sollen es sogar.
Sie sollen toben, schreien und fluchen. Sie sollen die Wände hochgehen, im wahrsten Sinne des Wortes. Als Rupert Voß die Dachetage der Firma umbauen ließ, hat er alles bedacht. Die Türen sind aus Stahl, die Fenster zum Büro aus Panzerglas, die Wände aus Massivholz.
"Wir produzieren hier jeden Tag für jeden der Jungs eine Krise", sagt Jürgen Zenkel. Das lässt sich ganz leicht machen. Ein wenig Deutschunterricht, ein Arbeitseinsatz in der Tischlerei oder auch nur das Schreiben einer Bewerbung, meistens reicht das schon, die Jungen ausrasten zu lassen. "Und dann zeigen wir ihnen, dass wir für sie da sind, sie mit ihrem Problem nicht allein lassen. Nur so gelingt es, eine Beziehung herzustellen. Wenn Beziehungen möglich sind, ist auch alles andere möglich." Er will den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen.
Das heißt einerseits, dass sie zurückschreien dürfen und anderseits, dass er mit zufasst, wenn einer zum Holzhacken eingeteilt ist. Die sechs Mitarbeiter der Company, zu denen seit kurzem auch zwei Frauen gehören, begleiten die Jungen zu Gerichtsterminen, sie besuchen sie im Arrest. Sie kümmern sich um Praktika bei Unternehmen in der Gegend, sie organisieren Ausbildungsverträge, sie sprechen mit Lehrern und Lehrmeistern. Wenn morgens einer fehlt, holen sie ihn von zu Hause ab. Sie machen alles, was sonst Eltern tun. Jürgen Zenkel hat dafür ein Wort erfunden, er nennt das Nachbeelterung.
Manchmal arbeiten sie auch wie Privatdetektive. Am Tag vor seiner Holzhackeinheit hat Andy zum ersten Mal seit Jahren seinen Vater getroffen. Um ihn ausfindig zu machen, benötigten Zenkels Kollegen regelrecht Spürsinn. Der Aufwand hat sich gelohnt. "Ich habe ihn gefragt, warum er damals von uns weg ist", sagt Andy. "Bisher kannte ich nur die Version meiner Mutter." Am Ende hätten sie beide geheult.
Im Grunde ist die Work and Box Company eine Intensivstation für Intensivtäter. Wie jede Intensivbetreuung hat auch diese ihren Preis. 18 000 Euro kostet die Betreuung pro Jahr. Finanziert wird das mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds sowie der Jugendämter der Stadt München und des Landkreises. Ein Platz im Gefängnis würde jährlich 36 000 Euro kosten. Rupert Voß rechnet es vor. Als Betriebswirt kennt er die Wirkung exakter Zahlen. Die Erfolgsquote von achtzig Prozent spricht für sein Projekt. Von den 58 Teilnehmern der Jahre 2005 bis 2008 seien nach jetzigem Stand 47 nicht rückfällig geworden. In vergleichbaren Einrichtungen liege die Quote bei etwa fünfzig Prozent.
"Damit wir uns verstehen", sagt Rupert Voß, vierundvierzig Jahre alt und Vater von sechs Kindern, "die meisten, die zu uns kommen, sind keine kleinen Diebe, sondern richtig heftige Jungs. Die beiden, die Dominik Brunner erschlagen haben, hätten in unser Profil gepasst." Als vor einem halben Jahr der Geschäftsmann Dominik Brunner an einer Münchner S-Bahnstation von zwei Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde, war das ganze Land geschockt. Woher kommt diese Brutalität? Wie kann man dieser emotionalen Verwahrlosung begegnen?
Den Tischlermeister Rupert Voß beschäftigen solche Fragen, seit er es in seinem Betrieb immer wieder mit Lehrlingen zu tun bekam, die nicht nur schwierig waren, sondern die das Gefühl für sich und andere völlig verloren hatten. "So verschieden sie sind, allen gemeinsam ist eine schwere innere Verletzung. Sie führt zu den nach außen gerichteten Aggressionen", sagt Voß. Das hat er schon oft so gesagt, er betet es herunter, wenn er um Fördermittel oder Spenden wirbt. Mancher hört das nicht gern. Sollen hier Täter zu Opfern erklärt werden? Es ist eine heikle Sache, zumal dann, wenn etwas Furchtbares passiert ist, Täter nicht einfach nur zu bestrafen, sondern sie mit ihren eigenen Nöten ernst zu nehmen, diese Nöte überhaupt zur Sprache zu bringen. "Es geht mir nicht darum, ihre Taten zu entschuldigen", sagt Rupert Voß. "Aber wenn wir die Jungen erreichen wollen, müssen wir zum Kern ihrer Persönlichkeit vordringen" Also dorthin, wo das Herz schlägt.
Sechsmal Arrest, leider
In der Mitte des Obergeschosses, das in weißblau gehalten ist, befindet sich der Boxring. Mit dem Boxen fängt alles an. Angeleitet wird die Übung von Werner Makella, einem hageren Mittvierziger, der nicht nur Kampfsportler ist, sondern auch Familientherapeut. Er betrachtet das Boxen als Teil der Anamnese. "Zuerst erstellen wir ein Geniogramm" sagt er. "Wir recherchieren die familiäre Situation. Meistens wird dann schon klar, wo das Problem liegt."
Dann geht es in den Ring, oft schon am ersten Tag. Besonders Gewalttäter würden es nicht begreifen, warum sie nun gerade boxen sollen, sagt Werner Makella "Aber beim Boxen bekomme ich sofort Kontakt zu ihnen. Ich teste ihre Frustrationstoleranz, packe sie an ihrer Ehre, oder bei dem, was sie dafür halten. Ich spüre, wie sie sich schützen, wie sie auf Treffer reagieren. Zwischen den Seilen sind die Jungs Täter und Opfer in einer Person."
Wenn Makella von der Arbeit im Boxring spricht, geht es ihm nicht nur um das Schicksal seiner Jungen. "Wir haben die Pflicht, erfolgreich zu sein", sagt er. "Jeden, den wir verlieren, verlieren wir womöglich für immer. Und die Gewalt in der Gesellschaft wächst von unten nach."
Dieses Gewaltpotenzial verkörperte eine Zeit lang auch Eftal, der heute zweiundzwanzig Jahre alt ist. "Ich war insgesamt sechsmal im Jugendarrest, leider", sagt er, "hauptsächlich Körperverletzung." Einmal hat er einen Gast vor der Disko fast totgeschlagen. Eftal, ein schlanker Junge, der sich nie von seiner Wollmütze trennt, ist in München geboren, seine Eltern sind in den Achtzigerjahren aus dem türkischen Izmir nach Deutschland gekommen. Als vor drei Jahren der Dokumentarfilm "Friedensschlag" gedreht wurde, spielte Eftal eine Hauptrolle, ohne eine Rolle zu spielen. Es war sein Leben. In einer Szene fasst er dieses Leben so zusammen: "Ich kann nur soviel sagen, und ich scheiß' auch auf den Rest, ich komm einfach nicht mehr klar mit der ganzen Situation. Ich weiß, ich bin kurz vorm Ausflippen. Das war's."
Heute sagt Eftal: "Peinlich, wenn man sich so sieht." Er ist an diesem Tag zur Work and Box Company gekommen - und dafür eine Stunde durch München gefahren - weil er mit Jürgen Zenkel etwas besprechen möchte. Es kommt öfter vor, dass Ehemalige vorbeischauen. Was Eftal will, möchte er nicht sagen. Es scheint wichtig zu sein, er wirkt bedrückt. Im Film ist er so etwas wie der positive Held. Er muss nicht in den Knast zurück und er findet eine Lehrstelle bei Rewe. Dann geht das Licht an, der Film ist zu Ende.
Aber das Leben ging für Eftal ja weiter. Er hat die Lehre abgebrochen, weil er mit den Leuten dort nicht klargekommen ist. Dann versuchte er es als Fußbodenleger, aber er brach sich die Hand. Jetzt jobbt er als Parkettleger und hat für September eine Ausbildung in Aussicht. Irgendwie geht es immer weiter. Er sagt, "man kann sich nicht von heute auf morgen ändern. Man muss Stufe für Stufe nehmen." Der wichtigste Unterschied zu früher? "Es ist eine Sache im Kopf", sagt Eftal. Und natürlich seine Freundin, sie ist Verkäuferin in einer Bäckerei.
Rupert Voß ist jetzt viel unterwegs. Er reist mit dem Film durch das Land, um für sein Konzept zu werben. Seine bisherigen Versuche, in anderen Städten derartige Projekte aufzubauen sind sämtlich gescheitert. Der soziale Markt ist aufgeteilt, für unorthodoxe Methoden gibt es kein Geld. Auch in Berlin ist er abgeblitzt, das war im Jahr 2006. In der Senatsverwaltung sah man "keinen regionalen Handlungsbedarf", wie ein Aktenvermerk des zuständigen Mitarbeiters belegt.
Rupert Voß macht weiter. Er ist von der Idee beseelt, dass es eine Chance gibt, den Zirkel der Gewalt zu durchbrechen. Woher seine Zuversicht rührt? Er hat es immerhin selbst geschafft. Voß erzählt, dass er als Kind regelmäßig von Vater und Bruder verprügelt worden sei. Als er erwachsen war, wollte er nur eins, dass das mit den Schlägen aufhört.
Kinodokumentrafilm Work and Box Company
FRIEDENSSCHLAG - Das Jahr der Entscheidung
BUNDESWEITER KINOSTART: 15. APRIL 2010
Synopsis
„Jeder hat was Böses in sich, sonst würd' er nicht überleben!" Denis, 17
FRIEDENSSCHLAG ist ein bewegender Dokumentarfilm über eine der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit: die Verwandlung von zerstörerischer Kraft in schöpferische Energie, von Selbsthass in Selbstbewusstsein, vom Verdrängen der Vergangenheit in Verantwortung für das eigene Leben.
Unmittelbar und auf Augenhöhe erzählt der Film die berührende Geschichte fünf junger Männer im Alter zwischen 16 und 20 Jahren. Sie klauen, kiffen und haben Spaß daran, andere zu verprügeln. Sie sind unsicher, orientierungslos und gewaltbereit. Nun stehen sie vor der Herausforderung ihres jungen Lebens: Endstation Knast oder alte Mauern einreißen, mit dem Ziel, sich selbst anzunehmen und nach totaler Abkapselung und extremer Aggression wieder Vertrauen und Nähe aufzubauen. Das ‚Jahr der Entscheidung‘ ist ihre letzte Chance, den Teufelskreis ihres bisherigen Lebens zu durchbrechen, falsche Selbstbilder abzustreifen und sich mit der Realität zu versöhnen.
„Manchmal fällt es einfach sehr schwer, sich zu kontrollieren. Du reißt dich zusammen, lässt vieles dir sagen, irgendwann geht's halt nicht mehr!" Eftal, 19
Rupert Voß und Werner Makella, die Initiatoren der Work and Box Company, sind zwei Männer, denen keine Erfahrung fremd ist. Sie geben den jungen Männern was sie wirklich brauchen: Konfrontation und Liebe – ein positives Vaterbild und echte Autorität. Dabei investieren sie viel Zeit und Geduld – auch wenn die Situation fast ausweglos scheint. Dabei hilft ihnen ihr Verständnis der männlichen Psyche, den Jungen zu helfen, alte Verhaltensmuster aufzulösen und neues Selbstbewusstsein zu gewinnen.
Ausweichen, kontern, attackieren – Verteidigung oder Rückzug? Im Ring sind alle gezwungen, sich ehrlich und unverstellt in die Augen zu schauen und der Boxkampf wird zum Auslöser für die persönliche Entwicklung der Protagonisten. Freude und Trauer, stille Gewissheit, Verzweiflung und Hoffnung liegen dabei nahe beieinander. Denn die Jungen kämpfen innerlich auch gegen sich selbst – bis sie fallen, um zu lernen wieder aufzustehen.
„Ich will dass Du Deinen Mann stehst im Leben. Und das wirst Du auch!" Rupert Voss
FRIEDENSSCHLAG ist ein packender und emotionaler Film, der der aktuellen Debatte um Jugendgewalt und dem hilflosen Ruf nach mehr Härte einen radikal anderen Ansatz entgegensetzt.
Länge: 107 min.
| Filmformat: 35 mm
| Aufnahmeformat: HD
Tonformat: Dolby Digital, Dolby SR
| Bildformat: 1:1.85
Mitwirkende
Eftal, Marco, Josef, Denis, Juan, Rupert Voss, Werner Makella
Team
Ein Film von Gerardo MilszteinKamera: Gerardo MilszsteinTon: Robert KellnerSchnitt: Thomas Grube, Barbara ToennieshenFilmmusik: P:lotHerstellungsleitung: Marc WächterProduzenten: Uwe Dierks, Thomas Grube, Andrea ThiloKoproduzent: Wolf BosseEine Produktion von BOOMTOWN MEDIA in Koproduktion mit Pictorion – das werkin Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk und TelepoolRedaktion: Christian Baudissin
FörderungMBB Medienboard Berlin-Brandenburg fff FilmFernsehFonds BayernFFA Filmförderungsanstalt
VerleihPiffl Medien (Deutschland)
Weltpremiere im PANORAMA der 60. Berlinale
Boxen für die Seele
Durchs Leben mussten sie sich alle schon boxen, die Jungs, die ihren Weg in die Work and Box Company finden. Jungs, die nirgendwo mehr reinpassen und die schon lange keiner mehr haben will. Sie kiffen, stören, klauen, prügeln, machen Angst. Die kriegt keiner mehr hin. Aufgegebene Jungs.
Ihre Geschichten ähneln sich. Schon als Kind nicht gewollt, ignoriert, im Stich gelassen, untergegangen, geprügelt oder missbraucht an Körper und Seele. Und das von den Menschen, von deren Liebe und Fürsorge ihr Leben abhing. Marius ist so einer. Seine Mutter ist drogenabhängig als er zur Welt kommt. Und er durch sie mit. Mit seinem ersten Atemzug beginnt für ihn der Entzug. Einen Vater gibt es für ihn nicht. Er ist zehn, als seine Mutter stirbt. An einer Überdosis zu Hause in der Küche. Und Marius ist dabei. Spätestens da hört er auf, Gefühle zuzulassen. Blind und taub sein für Gefühle, das ist seine kindliche Strategie, das Ertragene, die Leere, Angst, Einsamkeit und die Hilflosigkeit überleben zu können. Blind und taub sein in seiner Wut, das führt später zu der Gewalt seiner Übergriffe.
Fünfzehn Stationen in Heimen, Pflegestellen und therapeutischen Maßnahmen hat er hinter sich, als er mit Siebzehn in die Work and Box Company kommt. Vielleicht seine letzte Chance sich zu entscheiden. Sich für sich zu entscheiden.
Sich die Seele freiboxen, das lernt er erst hier. Jeder Schlag eine Befreiung, ein Friedensschlag. Das mit Worten beschreiben, das geht nur schwer. „Das ist etwas, das hast du noch nie erlebt“, sagt irgendwann mal einer der Jungs. Das trifft es. Für die Jungs und für das Team. Arbeiten und Boxen. Und dazwischen viel Raum und Gespür für das, was es nachzuholen gilt, anzuschauen, zu sortieren, noch einmal zu durchleben, um es dann endlich loszulassen.
„Jeder hat seine Probleme beim Boxen, und die können wir auf das Leben übertragen. Was wir beim Boxen falsch machen, das sind auch unsere Fehler draußen. Zum Beispiel, wenn einer die ganze Zeit in Deckung geht, der hat das Problem, dass er überhaupt nicht aus sich rausgeht. Ich hab das Problem, ich hab überhaupt keine Deckung. Das heißt: Ich bin mir selbst egal, weil es mir egal ist, ob ich eins auf die Fresse bekomme oder nicht. Das ist mein Problem, an dem ich arbeiten muss.“ (ein ehemaliger Teilnehmer)
Die Jungs nicht aufgeben, sie jeden Tag aufs Neue annehmen und herausfordern. Ihnen immer und immer wieder eine neue Chance geben, bis sie endlich so weit sind, diese auch für sich zu nutzen, das macht die Arbeit des Teams der Work and Box Company aus: Therapeuten, Handwerksanleiter, Pädagogen, Sozialpädagogen.
Nach einem Jahr haben acht von zehn der Jungs nicht nur für sich die Entscheidung getroffen, ihr Leben in die Hand zu nehmen sondern bereits einen Ausbildungsvertrag oder eine feste Arbeit. Nicht alle bleiben auf dieser ersten Stelle, aber sie bleiben in Arbeit. Jungs, die oft noch nicht mal einen Schulabschluss in der Tasche haben, wenn sie sich ihre Anstellung oder ihren Ausbildungsplatz über ein Praktikum im Betrieb erarbeiten. Jungs, an die wenige Monate zuvor keiner mehr glauben wollte und die auch selbst jedes Vertrauen ins Leben verloren hatten. Und dann das: Willkommen im Leben!
CHANCEN
Liebe Freunde der Work and Box Company,
„Na dann, probiern wir‘s mal!“ sagte die Personalverantwortliche einer Straßenbaufirma aus unserer Münchner Region, als wir vor vier Jahren den ersten Jungen zu ihr in den Betrieb schicken durften. Zwei Wochen Praktikum. Zwei Wochen richtig harte Arbeit. Laufen die gut, steht am Ende ein Ausbildungsplatz.
Der Junge macht seine Sache gut, er kriegt einen Ausbildungsvertrag. Dann bricht er ab: „Ich schaff das nicht mit dem Lernen, ich will nur arbeiten.“
Ein zweiter Junge darf kommen. Auch er schmeißt hin.
Beim Dritten soll es anders laufen: Er beginnt ohne Praktikum gleich mit der Lehre. Alles OK, alles läuft super. Zwei Monate vor seiner Gesellenprüfung bleibt er plötzlich weg. Die Personalverantwortliche telefoniert ihm hinterher, es geht ihr gar nicht darum, dass er bei ihnen weiterarbeitet, aber zur Prüfung soll er doch gehen, für sich. Nichts zu machen.
Der Vierte kommt. Sein Traumjob, sagt er. Aber dann gibt es Zoff mit einem Kollegen. Ein fünfter, ein sechster Junge. Das gleiche Ende.
Kurz vor Weihnachten. Die Personalverantwortliche ruft wieder bei uns an: „Ob Sie uns wieder einen Jungen schicken können? Ist mir ganz egal was für Jungs das sind, aber wenigstens einen von ihnen will ich durchbringen!
Die sechs Jungs sind wieder zurück in die Work and Box Company, sie waren noch nicht so weit. Später dann neuerlich ins Praktikum. Bei weiteren Unternehmen, die unsere Jungs unterstützen. Sie nicht aufgeben, sie begleiten und ihnen immer und immer wieder eine neue Chance geben, bis sie es schaffen, diese für sich zu nutzen, das macht unsere Arbeit aus. Die allermeisten von ihnen haben im Laufe der Monate bei der Work and Box Company begriffen, dass sie sich entscheiden müssen: weiter ihrem alten Muster folgen und immer wieder aufgeben, davonlaufen und abbrechen - oder es durchbrechen, durchhalten und den ersten Schritt eines Neubeginns wagen.
Das mit den Jungs durchzustehen, ist auch für die Work and Box Company nur möglich durch Menschen, die dies zum Teil schon seit vielen Jahren mit uns tragen. So wie die Personalverantwortliche aus der Straßenbaufirma. Menschen, die wissen, dass jeder eine zweite Chance verdient hat. Selbst dann, wenn er sie noch nicht auf‘s erste für sich nutzen kann.
Die meisten der Jungs schaffen es. Nach einem Jahr Work and Box Company haben acht von zehn Jungs einen Ausbildungsvertrag oder eine feste Arbeit. Nicht alle bleiben auf dieser ersten Stelle, aber sie bleiben in Arbeit. Jungs, die oft noch nicht mal einen Hauptschulabschluss in der Tasche hatten, als sie sich ihre Anstellung oder ihren Ausbildungsplatz erarbeitet haben. Aufgegebene Jungs, die noch wenige Monate zuvor vor der Entscheidung standen: Endstation Knast oder lernen, alte Mauern einzureißen, Vertrauen zu sich selbst zu finden und „Ja!“ zu sagen zu einem Leben ohne Gewalt.
Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit und geben Sie diesen Jungs eine Chance. Herzlichen Dank!
Ich wünsche Ihnen ein glückliches und gesundes neues Jahr mit vielen guten Gelegenheiten.
Herzlichst Ihr Rupert Voß
Unauffällig, aber sehr effektiv!
Liebe Unterstützer unserer Work and Box Company!
Auf einem der Bilder unserer Foto-Dokumentation können Sie unseren neuen ‚Mitarbeiter’ sehen, den wir Ihnen verdanken. Auch wenn er klein und unauffällig wirkt, ist er eine große Unterstützung für uns: unser neuer Laserdrucker für Informationsmaterialien.
Seine besondere Qualität besteht darin, dass er auch das stärkere Papier für Flyer im automatischen Einzug doppelseitig bedruckt. Doch ich will sie nicht mit technischen Details langweilen.
Wir sind sehr dankbar, dass wir via betterplace eine Spende für die Anschaffung dieses Druckers erhalten haben. Dies war nämlich ein besonders dringender Bedarf dadurch, dass zum einen unser alter ‚Flyer-Drucker’ vor einiger Zeit seinen Dienst eingestellt hat und wir zum anderen so gezwungen waren, den neuen Drucker bereits zu kaufen. Ein großes Dankeschön dafür, dass seine Refinanzierung nun gesichert ist.
Die Spenderin war übrigens eine der Gründerinnen von betterplace, und sie schrieb uns dazu von ihrem Wunsch, die Spender anzuregen, „den Wert von Infrastruktur und institutionellem Aufbau und Erhalt zu sehen, sodass sie diese auch tatkräftig unterstützen“. Möge ihr Wunsch, der auch unser Wunsch ist, in Erfüllung gehen!
Für heute grüße ich Sie sehr herzlich
Ihr
Rupert Voß
Ein Dankeschön aus der Öffentlichkeitsarbeit
Liebe Unterstützer unserer Work and Box Company!
Heute möchte ich mich hier einmal zu Wort melden. Mein Name ist Sibylle Dietermann, und ich bin bei hand in und der Work and Box Company für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Bei unseren Projekt-Photos finden Sie jetzt auch ein Bild von mir - mit der neuen Software!
Ich möchte Ihnen danken für Ihre großzügigen Spenden, aus denen wir unsere Software-Ausstattung erweitern konnten. Das ist für uns sehr wichtig. Zum einen weil es uns ermöglicht, unsere Kommunikation mit Ihnen und allen anderen an unserer Arbeit Interessierten zu verbessern. Zum anderen weil es besonders schwierig ist, Geldgeber für solche Erfordernisse zu finden. In der öffentlichen Finanzierung unserer Arbeit sind für derartiges Zubehör gar keine Mittel vorgesehen. Aber auch unsere privaten Förderer engagieren sich naheliegenderweise eher für Material, das direkt die jungen Menschen, die wir betreuen, in die Hand nehmen.
Umso mehr danken wir Ihnen daher, dass sie bereit waren, uns für unseren Software-Bedarf Geld zu spenden, und wünschen uns, dass sich viele Nachahmer für ähnliche Aufgaben finden.
Jetzt beginnt ja bald das ‚Sommerloch’ - das Maßnahmenjahr neigt sich dem Ende entgegen. Wir sind dabei, noch manche Jugendliche für eine Lehrstelle fit zu machen, andere in ihrem Praktikum zu unterstützen und die dritte Gruppe, die schon einen Ausbildungsvertrag in der Tasche hat, 'bei der Stange' zu halten, denn Leerlauf wäre das Schlimmste in dieser Phase. Zugleich bereiten wir uns auf den neuen Jahrgang vor, denn im Oktober geht es ja in eine neue Runde! Diese - etwas! - ruhigere Zeit werde ich nutzen, mich mit den neuen Programmen warmzulaufen, und hoffe, den Jahresbericht 2008/09 dann schon in verbessertem Outfit für Sie gestalten zu können.
Bis dahin wünsche ich Ihnen einen schönen Sommer und grüße Sie sehr herzlich
Ihre
Sibylle Dietermann











